Eine starke Frau zwischen zwei Welten
Hochdeutsch
In ihrem Herzen trug sie den Mut,
in ihrem Blick die Ferne
und in ihrer Mitte
eine ganze Welt.
Münsterländer Plattdeutsch
In ehrn Hatte dräch se den Moot,
in ehrn Blick de Wiede
un in ehrne Midde
eene ganze Wält.
Am 27. März jährt sich der Geburtstag meiner Urgroßtante Elisabeth zum 170. Mal. Dieser Tag ist für mich ein besonderer Anlass, an eine Frau zu erinnern, deren Lebensweg mich tief berührt. Einige Wochen vor diesem Gedenktag, am 20. Februar 2026, habe ich begonnen, mich ihr auf eine besondere Weise zu nähern: Ich habe Elisabeth gemalt. Parallel fand meine persönliche Ahnenforscherin Anja, die zeitgleich bei mir im offenen Atelier war, bei familyserach Elisabeth selbst, ihren Mann und ihre Kinder mit ihren Namen, Vornamen, Geburts-, Sterbe- und Hochzeitsdaten. Sie zeigte sich mir, so empfand ich es, es war herrlich!
Während der Farbenauftrag wuchs, entstand mehr als nur ein Bild. Es war, als würde ich ihrer Geschichte nachspüren – Schicht für Schicht. Ihr Mut, ihre Entschlossenheit und ihre Wärme flossen in dieses Porträt ein. Das Malen wurde zu einem stillen Zwiegespräch über Generationen hinweg. Erst einige Tage später fiel mein Blick noch einmal anders auf das Bild. Da entdeckte ich etwas, das mich bewegte: Ihr Bauchbereich wirkt wie eine Weltkugel.
Fast so, als hätte mein Inneres beim Malen etwas sichtbar gemacht, das mein Verstand noch gar nicht greifen konnte. Elisabeth, die ihre Heimat verließ, den Ozean überquerte und sich in einer neuen Welt ein Leben aufbaute – und ich hatte unbewusst genau dieses Symbol eingefangen.
Die Welt in ihr.
Die Welt, die sie betrat.
Die Welt, die sie für kommende Generationen mitgestaltete.
Elisabeth wurde 1856 in Waldvelen, einer kleinen Bauernschaft im Westmünsterland, geboren. Nach ihrem älteren Bruder Anton (geb. 1852) war sie die älteste Tochter einer Bauers-Familie.
Als ihr Vater im Juni 1866 an Wassersucht starb, war sie 10 Jahre alt und übernahm Verantwortung nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihren jüngeren Bruder Bernhard (geb. 1858, mein Urgroßvater) und für ihre jüngste Schwester Christina (geb. 1863). Sie wuchs in einer Zeit großer Umbrüche auf. Als junges Mädchen erlebte sie den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 und die Gründung des Deutschen Reiches unter dem Reichskanzler Bismark.
Doch während viele Menschen ihrer Generation ihr Leben kaum über die Grenzen ihres Heimatortes hinaus führten, wagte Elisabeth einen außergewöhnlichen Schritt:
Sie verließ ihr Dorf, ihre vertraute Umgebung und ihre Muttersprache – das Münsterländer Platt – und wanderte 1885 mit ihrem Verlobten Frank in die Vereinigten Staaten aus. Vielleicht klangen ihre letzten Worte in der Heimat so wie die, die auch heute noch in unserer Familie beim Abschiednehmen gesprochen werden: „Lott di watt.“ Lass es dir gutgehen.
In Amerika bauten sich Elisabeth und ihr Mann Frank mit großer Entschlossenheit ein neues Leben auf. Sie gründeten eine Farm in Kansas und arbeiteten hart. Aus einer jungen Frau aus dem Münsterland wurde eine Pionierin in der Neuen Welt. Je mehr ich über Elisabeth erfahre, desto stärker spüre ich eine Verbindung zu ihr.
Vielleicht ist es auch ihr zu verdanken, dass es mir immer leichtgefallen ist, mein Heimatdorf zu verlassen und meinen eigenen Weg quer durch die Republik zu finden. Unbewusst hat sie mir vorgemacht, dass Aufbruch kein Verlust sein muss, sondern ein Schritt in ein größeres Leben. Und manchmal, wenn ich an sie denke, fühlt es sich an, als würde eine leise Stimme aus der Vergangenheit sagen: „Ick mach di gärne liehn.“ Ich mag dich.
Fern ihrer westfälischen Heimat heiratete Elisabeth ihren Verlobten Frank 1885 in Beloit, Kansas im Jahr ihrer Auswanderung und gründeten eine große Familie.
Zwischen 1887 und 1901 brachte sie zehn Kinder – vier Töchter und sechs Söhne – zur Welt. Als ihr erstes Kind geboren wurde, war Elisabeth 31 Jahre alt, bei der Geburt ihres jüngsten Kindes 45 Jahre. Über vierzehn Jahre hinweg schenkte sie ihrer Familie immer wieder neues Leben – eine beeindruckende Lebensleistung, für die ich meinen Hut ziehe, da sie ohne Mutter oder Schwester fern ihrer Herkunftsfamilie auf einer Farm im amerikanischen Mittleren Westen lebte und wahrscheinlich nur Plattdeutsch und rudimentär Englisch sprach.
Und das sind ihre 10 Kinder, die ich beim Online-Portal familysearch gefunden habe:
Und auch schwere Momente gehörten zu ihrem Leben.
1895 verlor Elisabeth ihren kleinen Sohn Anton, der vermutlich im Säuglingsalter starb. Sie hatte ihn nach ihrem ältesten Bruder benannt, der zwei Jahre zuvor gestorben war. Viele Jahre später traf sie ein weiterer Verlust: 1927 starb ihr Sohn Hubert im Alter von nur dreißig Jahren.
Als Elisabeth sich 1885 zur Auswanderung entschloss, befand sich Deutschland in einer Zeit großer gesellschaftlicher Veränderungen. Der Weg führte meist über die großen Auswandererhäfen Bremerhaven oder Hamburg. Von dort aus bestiegen Auswanderer Dampfschiffe, die sie nach mehreren Wochen Überfahrt nach New York brachten.
Von Hoxfeld im Münsterland, dem Familiensitz unserer Familie bis nach Plum Creek Township in Mitchell County, Kansas, wo Elisabeth später ihre Farm hatte, würde man heute etwa 18 bis 24 Stunden benötigen.
Was für uns heute eine lange, aber gut planbare Reise wäre, bedeutete für Elisabeth im Jahr 1885 einen Aufbruch in eine andere Welt. Für uns ist es heute eine Reise. Für Elisabeth war es ein Lebensweg in eine Zukunft, die sie sich selbst erschließen musste.
Auffällig viele Auswanderer aus Westfalen ließen sich im 19. Jahrhundert im Bundesstaat Kansas nieder — auch Elisabeth gehörte ja später zu dieser Bewegung. Die weiten Ebenen mögen viele an ihre Heimat erinnert haben. Das Land eignete sich gut für Ackerbau und Viehzucht — Tätigkeiten, mit denen Bauernfamilien aus dem Münsterland bestens vertraut waren.
Durch Siedlungsgesetze wie den Homestead Act wurde Farmland günstig oder sogar kostenlos vergeben, wenn es bewirtschaftet wurde. Für viele Familien war das eine einmalige Chance, eigenen Besitz zu erwerben.
Hinzu kamen bereits bestehende deutsche Gemeinschaften. Sobald sich erste westfälische Familien angesiedelt hatten, folgten weitere. So entstanden Gemeinden, in denen weiterhin Deutsch gesprochen, vertraute Bräuche gepflegt und kirchliche Traditionen erhalten wurden. Kansas wurde dadurch für viele zu einer zweiten Heimat in der Ferne.
In diesem Zusammenhang dürfen wir nicht vergessen, was dieses „öffentliche Land“ für die Kansa-Indianer bedeutet hat. Sie wurden schon vor 1862 verdrängt und bis 1877 vollständig in das „Indianer-Territorium“ (heute Oklahoma) deportiert. Wie schlimm zu wissen, dass die Urvölker enteignet wurden, damit das Land für weiße Einwanderer zugänglich wurde. Es macht mich sehr traurig, mir das bewusst zu machen.
Elisabeth erlebte nicht nur den deutsch-französischen Krieg ihrer Jugend, sondern auch den Ersten Weltkrieg (1914–1918). Als die Vereinigten Staaten 1917 in den Krieg eintraten, mussten sich alle Männer im wehrfähigen Alter registrieren lassen. Viele Männer deutscher Herkunft dienten damals in der amerikanischen Armee. Wie sich Elisabeths Söhne wohl entschieden haben?
Elisabeths Familie lebte in dieser Zeit zwischen zwei Welten – mit deutschen Wurzeln und einem amerikanischen Leben. Meine Tante Bernhardine, die 1934 als Großnichte von Elisabeth geboren wurde, erzählte mir eine Erinnerung aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs:
Während der schweren Kriegsjahre von 1939 – 1945 kamen immer wieder Pakete aus Amerika im Münsterland an. Sie wurden von Elisabeths Kindern in die ehemalige Heimat ihrer Eltern geschickt, um der Familie zu helfen. So blieb über den Atlantik hinweg ein Band bestehen, das selbst Kriege nicht zerreißen konnten.
Spurensuche in Passagierlisten
Wer heute mehr über ausgewanderte Vorfahren erfahren möchte, kann auf historische Passagierlisten zurückgreifen, die auf Online-Portalen einsehbar sind. Im Moment suche ich noch nach der passenden Passagierliste, um herauszufinden, mit welchem Schiff Elisabeth Deutschland verlassen hat, ob von Bremerhaven oder von Hamburg aus und wann genau der Tag war im Jahr 1885. Ich bin sicher, dass meine Urgroßtante es mir bald „zuflüstern“ wird.
Manchmal sind es jedoch nicht Archive, sondern eigenartige familiäre Momente, die Geschichte lebendig machen. Ein solcher Moment ereignete sich, als mein Urgroßcousin Peter (ein Abkömmling aus der Linie von Christina, der jüngsten Schwester von Elisabeth) mir nach dem Tod seiner Mutter vor ein paar Jahren beim Sonntagskaffe ihre Sammlung Totenzettel zeigte, weil er wusste, dass ich Familienforschung betreibe und vielleicht was damit anfangen kann. Peter ganz überrascht: „Hier häb wi noch wat ganz Olles. Sogar ut Amerika! (Hier haben wir noch was ganz Altes und sogar auf Englisch!)“
Ich konnte nicht fassen, was er mir übergab: Der originale Totenzettel
meiner Urgroßtante Elisabeth aus dem Jahr 1928.
Ich machte mir sofort eine Kopie für unsere Familie.
Ein Stück Papier.
Ein stiller Gruß aus der Vergangenheit.
Ein weiterer Faden, der Generationen miteinander verbindet.
… und eine Urgroßtante, die mir eine besondere Sonntagsüberraschung schenkte und einen Urgroßcousin Peter, dem ich die Verwandtschaftszusammenhänge erklären konnte. Denn bei meinen Forschungen vor Jahren im Bistums-Archiv in Münster hatte ich nur das Geburtsdatum und den Namen der Schwester meiner Urgroßvaters Elisabeth herausgefunden und die Archivarin hatte geschrieben, dass sie keinen Todeseintrag im Münsterland zu Elisabeth finden konnte. Wie auch, wenn diese Urgroßtante ausgewandert ist.
Elisabeth starb am 27. April 1928 in Beloit, Kansas. Durch Briefe meiner Urgroßmutter Anna und meines Urgroßvaters Bernhard, später auch durch Nachrichten meiner Großeltern Johanna und Heinrich, erlebte sie das Familienleben in Deutschland weiterhin mit. Auch von der Heirat meiner Großeltern Johanna und Heinrich am 16. August 1924, also ihres Neffen, der die Hofnachfolge ihres Bruders Bernhard antrat, hat sie wohl erfahren.
Am 12. November 1924 starb ihr Bruder Bernhard, mein Urgroßvater. Und durch Briefe erfuhr sie auch noch von der Geburt meines Vaters 1925 und meines Onkels Bernhard am 27. März 1927 – an genau ihrem Geburtstag. Wie schön muss es für sie gewesen sein, dass sich ihr Großneffe genau ihren Geburtstag ausgesucht hat und zudem ihr Neffe seinem Kind den Namen von Elisabeths geliebtem Bruder Bernhard gegeben hat.
Ich möchte mir vorstellen, dass sie sich im Jahr 1924 nochmal auf eine Reise gemacht hat in ihre ehemalige Heimat im Westmünsterland und dass sie in der Bauernschaft als TANTE AUS AMERIKA gefeiert und umsorgt wurde. Das hat sie mehr als verdient. Über Ozeane hinweg blieb sie Teil der Familie. Über Generationen hinweg wirkt ihr Lebensmut weiter.
Elisabeth erlebte den Krieg von 1870/71. Ihre Kinder lebten durch den Ersten Weltkrieg.
Ihre Enkel und Großneffen erlebten den Zweiten Weltkrieg. Und doch blieb über all diese Zeiten hinweg etwas bestehen: Die Verbindung einer Familie über Kontinente und Generationen hinweg.
Heute, 170 Jahre nach ihrer Geburt, danke ich ihr.
Für ihren Mut zu gehen.
Für ihre Kraft zu bleiben.
Und für das unsichtbare Band, das uns bis heute verbindet.
Und manchmal glaube ich, sie lächelt leise über all die Jahre hinweg zurück.
Lott di watt, liebe Elisabeth.
Ick mach di gärne liehn.
Mechthilds und Urgroßtante Elisabeths Genogramm